Von der Lehrseite zur Lernseite – warum Kompetenzorientierung für mich zum Schlüssel wurde

Ausgangspunkt meiner Überlegungen waren vielerlei Dinge. Zum einen Berichte über ausgezeichnete Schulen, insbesondere die Alemannenschule Wutöschingen und deren Schmetterlingspädagogik. Aber auch eigene Beobachtungen in meinem Unterricht, auf die ich pädagogisch keine Antworten fand. Sie gaben den Anlass, den eigenen Unterricht stärker aus der Perspektive des Lernens zu betrachten und bestimmten Situationen auch einfach mal nach dem „Warum?“ zu fragen. Gespräche mit Schülerinnen und Schülern darüber, wie sie lernen möchten, warum sie Aufgaben nicht gemacht haben oder nicht machen konnten, bzw. warum sie sie gemacht haben, sowie der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen bestärkten die Idee, dass meine aktuelle Art zu Unterrichten nicht die richtige ist.
Eine theoretische Einordnung bietet Michael Schratz mit der Unterscheidung zwischen Lehr- und Lernseite. Seine Metapher der Wippe verdeutlicht, dass beide Perspektiven im Gleichgewicht stehen müssen: Auf der einen Seite Struktur, fachliche Führung und Instruktion durch die Lehrkraft, auf der anderen Seite individuelle Lernprozesse, Selbstständigkeit und Rückmeldung. Es geht nicht darum, die Lehrseite zurückzudrängen, sondern beide Perspektiven sinnvoll aufeinander zu beziehen. In meinem bisherigen Unterricht war das gefühlt nicht so stark ausgeprägt. Während der Ausbildung bekommt man beigebracht wie man unterrichtliche Settings erstellt, die zum Lernen führen sollen, die Verantwortung liegt immer bei der Lehrkraft. Klappt es nicht, hat man falsch geplant. Das die Schülerinnen und Schüler aber ein mindestens gleichwertig anzusehender Einflussfaktor sind, wurde mir erst in den letzten Jahren klar, was auch die Beobachtung stützt, das die selbe Stunde in zwei Klassen, völlig unterschiedlich laufen kann.
Die entscheidende Frage für mich war es nun, wie ich diese Balance zwischen Lehrseite und Lernseite im bestehenden Schulsystem praktisch umsetzen kann. Zunächst habe ich mehr Methoden variiert und vermehrt auf die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler gesetzt, was dazu führte, dass man den Prozess und die Klasse teilweise aus den Augen verloren hat, bzw. die Schülerinnen und Schüler an so unterschiedlichen Stellen waren, dass überfordert war die Stränge weiter in der Hand zu halten. Das Problem an der Sache war nun aber nicht der unterschiedliche Lernstand, sondern die Tatsache, dass ich nie richtig gelernt hatte solche freien Lernprozesse über mehrere Stunden angemessen zu begleiten.
Die Kompetenzorientierung bietet für diese Probleme aus meiner Sicht nun einen geeigneten Rahmen, weil sie den Fokus von der Behandlung von Inhalten auf das richtet, was Schülerinnen und Schüler am Ende tatsächlich können sollen. Fachwissen bleibt dabei unverzichtbar, wird aber stärker als Grundlage für Anwendung, Problemlösen, Transfer und selbstständiges Handeln verstanden. Somit ist es letztlich fast egal, wo sich welcher Schüler innerhalb eines Themas gerade befindet, da ich immer wieder auf die Kompetenzen verweisen kann und die Lehr- und die Lernseite so eine Orientierung, womit die Komplexität aus meiner Sicht handhabbar wird.
Schaut man sich ein wenig in der Bildungswissenschaft um, auch um sicher zu gehen, dass einen richtigen Weg einschlägt, stößt man schnell auf John Hatties Arbeiten, die zu diesem Verständnis passen. Seine Befunde unterstreichen die Bedeutung klarer Lernziele, transparenter Erfolgskriterien, gezielten Feedbacks und formativer Rückmeldungen. Lernorientierter Unterricht bedeutet damit nicht möglichst offene Lernformen, sondern eine Verbindung aus klarer Führung und der kontinuierlichen Wahrnehmung dessen, was bei den Lernenden tatsächlich entsteht.
Daraus folgen aber auch Konsequenzen für die Leistungsbewertung. Wenn Kompetenzen im Mittelpunkt stehen, sollten sie nicht nur punktuell in Klassenarbeiten sichtbar werden, sondern auch im Unterricht, in Gesprächen, schriftlichen Arbeiten, Projekten oder anderen geeigneten Nachweissituationen. Bewertung wird damit stärker zu einem Bestandteil der Lernbegleitung und wesentlich individueller und genauer als Noten dies leisten könnten. Die Kompetenzorientierung übernimmt so eine verbindende Funktion zwischen Unterrichtsplanung, Unterricht und Bewertung. Sie ermöglicht es, Lehr- und Lernseite aufeinander zu beziehen und den Blick konsequenter darauf zu richten, was Schülerinnen und Schüler tatsächlich entwickeln und können.
Was braucht man für die Umsetzung?
Für die Umsetzung braucht es eigentlich mehr als eine veränderte Leistungsbewertung. Auch Unterrichtsorganisation, Zeitstrukturen, Räume, Lernmaterialien und die Selbststeuerung der Schülerinnen und Schüler spielen eine Rolle. Mein aktueller Schwerpunkt liegt jedoch auf der Frage, wie ich die Kompetenzen im bestehenden Setting von Schule sichtbar, dokumentierbar und gezielt nachweisbar machen kann.
Dafür entsteht eine Kompetenz-App, in der Beobachtungen aus dem Unterricht, schriftliche Leistungen, fachliche Gespräche und Selbsteinschätzungen zusammengeführt werden. Ziel ist kein digitales Notenbuch, sondern ein fortlaufendes Kompetenzprofil, das zeigt, was bereits sicher beherrscht wird und wo weiterer Lernbedarf besteht.
Ergänzt werden soll dies durch ein Test- und Lernsystem. Schülerinnen und Schüler können gezielt Kompetenzen auswählen, in denen sie einen Nachweis erbringen möchten (Gelingensnachweise). Aus einem Aufgabenpool werden passende Aufgaben zusammengestellt und bearbeitet.
Perspektivisch soll dabei KI-gestütztes Feedback eine zentrale Rolle spielen. Die KI soll nicht die abschließende Leistungsbewertung übernehmen, sondern Rückmeldungen zu Lösungswegen geben, Fehler sichtbar machen und Hinweise für die weitere Bearbeitung liefern. Dadurch kann aus dem Testsystem zugleich ein Lernsystem werden.
Die technische Umsetzung bildet damit nur einen Teil des Gesamtkonzepts. Sie soll vor allem ermöglichen, die Lernseite systematischer sichtbar zu machen und Kompetenzerwerb, Rückmeldung und weitere Lernschritte enger miteinander zu verbinden.
Dokumentationsapp

Der Kompetenztracker macht Lernentwicklung über längere Zeit sichtbar. Für jeden Kurs können Fachkompetenzen hinterlegt und als Ziel für Tests oder Klausuren markiert werden.
Beobachtungen werden schnell nach Niveau und Evidenzart erfasst. Eine einzelne Beobachtung führt dabei nicht sofort zu einem hohen Kompetenzstand: Wiederholte, zeitlich verteilte Nachweise erhöhen schrittweise die Evidenzsicherheit. Fachkompetenzen sind mit übergeordneten Kompetenzen wie Sachkompetenz, Erkenntnisgewinnung, Kommunikation und Bewertung verknüpft. Diese können zusätzlich direkt beobachtet werden.
So entsteht für jede Schülerin und jeden Schüler ein nachvollziehbares Kompetenzprofil, das Unterrichtsbeobachtungen, Tests und andere Nachweise zusammenführt und als Grundlage für Rückmeldungen, Kompetenzgespräche und Leistungsbewertung dient. Voraussetzung für das Beobachten ist dann aber wieder die bewusste Fokussierung auf die geforderten Kompetenzen. So kann man beispielsweise in einer Klausur die Aufgaben bestimmten Kompetenzen zuordnen und die Ergebnisse später mit berücksichtigen oder aber man stellt Aufgaben, für deren Lösung bestimmte Kompetenzen nötig sind.
Zum Einspielen der Kompetenzen sollte man eine KI den Kernlehrplan/Schulinternen Lehrplan analysieren und die Kompetenzen im geforderten Format ausgeben lassen. Importiert man diese und und weist sie dem passenden Kurs zu, den man zuvor mit Schülernamen angelegt hat, so kann man mit der Dokumentation beginnen.
Installationshinweise
Zum Installieren, wird einfach das Verzeichnis auf das gewünschte gerät geladen und die Datei index.html mit einem beliebigem Browser geöffnet. Die Daten werden lokal im Browser gespeichert, so dass keine Datenbank oder ein Online-Zugang nötig ist. Nutzt man diese Dokumentation auf seinem Dienstgerät, ist auch der Datenschutz seitens des Dienstherren gewährleistet.
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Quellen
Deutscher Schulpreis – Alemannenschule Wutöschingen
SWR – Lehrseits und lernseits: Unterricht neu denken | Michael Schratz
Michael Schratz – Lernseits und acht Kerngedanken lernseitigen Unterrichts
IQB – Bildungsstandards / Kompetenzorientierung
Visible Learning – Hattie Begriffe und Einflussfaktoren
Hinweise zur Entwicklung der App
Das Tool wurde mit Hilfe von KI erstellt
